Abschied von Viktor Kortschnoi – Rede von Dr. Gerhard Köhler auf der Trauerfeier am 14. Juni 2016 in Wohlen, Schweiz

Abschied von Viktor Kortschnoi

Rede von Dr. Gerhard Köhler auf der Trauerfeier am 14. Juni 2016 in Wohlen, Schweiz

Liebe Trauergäste, ich spreche heute im Namen von Herbert Bastian, Vizepräsident der FIDE und zugleich Präsident des Deutschen Schachbundes und für die Emanuel Lasker Gesellschaft sowie für mich persönlich.

Am 6. Juni 2016 verstarb Viktor Kortschnoi im Alter von 85 Jahren in Wohlen bei Zürich. Er gehörte zu den stärksten Spielern des 20. Jahrhunderts.

Viktor Kortschnoi, Jahrgang 1931, wurde in Leningrad geboren und verbrachte seine Kindheit unter großen Entbehrungen.

In der Zeit der deutschen Belagerung von Leningrad während des Zweiten Weltkrieges vom September 1941 bis zum Januar 1944 litt er Hunger und bitterste Not. Die Blockade kostete ungefähr eine Million Todesopfer unter Leningrads Bevölkerung.

Viktors einziger Trost in dieser Zeit blieb ihm ein Schachlehrbuch von Dufresne, aus dem er die Partien im Kopf nachspielte.

Ab Ende 1943 gehörte er dem Schachzirkel im Leningrader Pionierpalast an. Dort fand er in Wladimir Sak einen ausgezeichneten Trainer. Eines Tages spielte Viktor gegen eine Gruppe jüngerer Spieler simultan und blind gegen den um sechs Jahre jüngeren Boris Spasski, der gerade in den Schachzirkel aufgenommen worden war. Als Viktor ihn matt gesetzt hatte, weinte Boris bitterlich und wollte für immer mit dem Schach aufhören. Aber es kam anders. Zwischen Viktor und Boris bestand zeitlebens eine starke Rivalität.

Nach Kriegsende erlangte Viktor bald Meisterstärke. 1947 und 1948 wurde er Jugendmeister der UdSSR. 1951 erhielt er den sowjetischen Titel „Meister des Sports“, ein Jahr später qualifizierte er sich erstmals für die UdSSR-Meisterschaft.

Kortschnoi studierte Geschichte, entschied sich jedoch Schachprofi zu werden. Schach genoss in der sowjetischen Gesellschaft hohes Ansehen und wurde sehr gefördert.

1954 bekam er vom Weltschachbund FIDE den Titel des Internationalen Meisters verliehen, zwei Jahre später folgte der Titel des Internationalen Großmeisters.

Seinen ersten größeren Erfolg erreichte Kortschnoi 1962 beim Zonenturnier in Moskau, wo er sich für das Interzonenturnier in Stockholm qualifizieren konnte, nachdem er beim ersten Anlauf vier Jahre zuvor noch gescheitert war. In der schwedischen Landeshauptstadt belegte er schließlich den vierten Rang, was ihm einen Startplatz beim Kandidatenturnier in Curacao – dem Ausscheidungswettkampf für die Weltmeisterschaft – bescherte. Dort erreichte Kortschnoi beim Sieg des späteren Weltmeisters und Landsmannes Tigran Petrosjan den fünften Platz.

Nachdem er die Teilnahme am nächsten Interzonenturnier 1964 in Amsterdam und damit vorzeitig die mögliche WM-Ausscheidung für 1966 verpasst hatte, qualifizierte sich Kortschnoi 1967 in Tiflis für das Interzonenturnier in Sousse. In der tunesischen Hafenstadt machte er mit Rang zwei seine Teilnahme am Kandidatenturnier 1968 perfekt, bei dem er bis in das Finale vordrang.

Dort scheiterte er an dem unterlegenen WM-Herausforderer von 1966, Boris Spasski, der sich anschließend gegen Weltmeister Petrosjan erfolgreich revanchieren sollte.

Durch seinen Finaleinzug drei Jahre zuvor war Kortschnoi für das anschließende Kandidatenturnier 1971 gesetzt, musste aber diesmal bereits im Halbfinale gegen den entthronten Weltmeister Petrosjan die Segel streichen.

1973 gewann Kortschnoi das Interzonenturnier in Leningrad nach Wertung vor seinem punktgleichen Landsmann Anatoli Karpow. Beim Kandidatenturnier im Jahr darauf standen sich beide Spieler im Finale erneut gegenüber.

Diesmal musste sich Kortschnoi seinem 20 Jahre jüngeren Kontrahenten mit 11,5:12,5 geschlagen geben. Karpow wurde1975 kampflos zum Weltmeister erklärt.

Kortschnoi gewann viermal den Titel des UdSSR-Meisters (1960, 1962, 1964, 1970). Insgesamt sechsmal war er mit der sowjetischen Mannschaft der UdSSR bei Schacholympiaden(1960, 1966, 1968, 1970, 1972 und 1974) siegreich.

1976 kehrte er aus politischen Gründen vom IBM-Turnier in Holland nicht in die Heimat zurück. Viktor Kortschnoi wurde daraufhin in der Sowjetunion zum Staatsfeind erklärt.

Als gesetzter Teilnehmer bei der folgenden WM-Ausscheidung 1977 bekam Kortschnoi nach Siegen über Petrosjan, Lew Polugajewski und Spasski (alle UdSSR) erstmals die Gelegenheit geboten, im Finale um die Weltmeisterschaft zu spielen.

Und so wurde 1978 das WM-Match in Baguio City (Philippinen) zwischen dem „linientreuen“ Karpow und dem „Verräter“ Kortschnoi für die Sowjetunion zu einem Politikum.

Unter diesen widrigen Umständen gelang es dem staatenlosen Kortschnoi am Ende nicht, den WM-Titel zu erringen. Er unterlag in der 32. Partie und damit das spannende Finale äußerst knapp nach 5:6 Siegen.

Nach Siegen in den Kandidatenmatches gegen Petrosjan, Polugajewski und Hübner erreichte Viktor Kortschnoi erneut das WM-Finale. In Meran scheiterte er 1981 erneut an Karpow nach 2:6 Gewinnpartien.

Auch für das nächste Kandidatenturnier 1983 war Kortschnoi gesetzt. Als er im August 1983 im Halbfinale gegen Garri Kasparow (UdSSR) antreten sollte, kam es zum Streit zwischen dem Weltschachbund FIDE und der sowjetischen Schachföderation über den geplanten Austragungsort Pasadena in den USA. Die FIDE sprach Kortschnoi einen kampflosen Sieg zu, den dieser nicht annehmen wollte. Schließlich kam der Wettkampf nach dreimonatiger Verzögerung in London zustande, Kortschnoi unterlag dem späteren Weltmeister Kasparow mit eins zu vier Siegen.

Nachdem Kortschnoi das Staatsbürgerrecht der Schweiz erhielt, nahm er für sein neues Heimatland an 11 Schacholympiaden teil. 2006 gewann er die Seniorenweltmeisterschaft.

Sein kompromissloser Stil brachte Kortschnoi den Spitznamen Viktor der Schreckliche ein. Er gehörte über 50 Jahre lang der Weltspitze an. Seine Erfolge bis in hohe Alter sind einzigartig. Viktor spielte jede Partie kompromisslos auf Gewinn, entwickelte dabei eine unglaubliche Kampfkraft und Stärke. Sein Spielstil erinnerte dabei häufig an Emanuel Lasker.

Die höchste je erreichte Historische Elozahl von Kortschnoi betrug 2825. Laut dem US-amerikanischen Mathematiker Jeff Sonas besaß er zwischen September und Dezember 1965 die höchste Historische Elo-Zahl aller zu diesem Zeitpunkt aktiven Schachspieler.

Seine bestgelistete Historische Elo-Zahl betrug 2814, womit er 1978 zweitbester aktiver Spieler hinter Weltmeister Karpow war. Vom gewonnenen Interzonenturnier 1973 in Leningrad stammte Kortschnois höchste je erreichte Historische Elo-Zahl mit 2825.

Aufgrund seiner ungewöhnlich langen aktiven Karriere hielt Kortschnoi mit fast 5000 dokumentierten Partien den Rekord für die meisten gespielten Schachpartien.

Fast 50 Jahre kämpfte er auf Schacholympiaden, wohl ein weiterer weltweiter Rekord. Er nahm seit 1960 an 17 Schacholympiaden teil. Neben den sechs Goldmedaillen für die UdSSR erhielt er viermal Gold für sein bestes Brettergebnis, zuletzt 1978 am ersten Brett der Schweizer Mannschaft.

Kein anderer Spieler hat mehr Turniere gewonnen als er. Viktor Kortschnoi war mit seinem Kampfgeist und Siegeswillen für viele Schachfreunde in aller Welt ein leuchtendes Vorbild. Der „Meister des Gegenangriffs“ hat der Schachwelt eine Fülle von Glanzpartien geschenkt. Sein Buch „Mein Leben für das Schach“ trägt einen programmatischen Titel.

Viktor Kortschnoi war ein leuchtendes Beispiel für die vitalisierende Wirkung des Schachspiels auf den Erhalt der geistigen Fähigkeiten des Menschen in hohem Alter. Mochte auch der Körper gebrechlich werden, der Geist blieb jung durch Schach.

Viktor hat uns vorgelebt, welchen Wert Schach von der Kindheit bis ins Alter besitzt. Und Viktor bewies bis ins hohe Alter am Schachbrett sein Können.

Seit 1977 war Petra Kortschnoi die Frau an Viktors Seite. Als junge Frau, die ihr Studium an der Leipziger Universität vor sich hatte, wurde sie verhaftet und in die Sowjetunion verschleppt. Ein ganzes Jahrzehnt verbrachte sie im GULAG unter unsäglichen Arbeits- und Lebensbedingungen. In der Zeit der Trostlosigkeit spendete Petra das Schachspiel Trost und Freude. Sie erhielt eine Urkunde bei der Lagermeisterschaft im Schach.

Dieses Dokument zeigte sie Viktor Kortschnoi, als er der Sowjetunion den Rücken gekehrt hatte und im Westen ein neues Leben aufbauen wollte. Petra wurde die Frau an Viktors Seite. Seit knapp 40 Jahren begleitet sie ihn, wie ehemals Martha Lasker ihren Mann Emanuel, zu allen Turnieren und Schachveranstaltungen. Sie war immer für ihn da. Die letzten Jahre lebten beide in einer Seniorenresidenz in Wohlen (Schweiz).

Viktor und Petra Kortschnoi nahmen im Januar 2001 an der Internationalen Lasker Konferenz in Potsdam teil und wurden Gründungsmitglieder der Emanuel Lasker Gesellschaft.

Im November 2001 gab er eine Simultanvorstellung im Casino Berlin in der 37. Etage des Forum Hotel am Alexanderplatz. In den folgenden Jahren waren sie immer wieder zu Gast bei Veranstaltungen der Lasker Gesellschaft. Mehrmals gab Viktor Simultanvorstellungen, siegte beim Lasker Masters und stand als Gesprächspartner zur Verfügung.

2009 wurden Petra und Viktor Kortschnoi von der Emanuel Lasker Gesellschaft für ihre herausragenden Verdienste zum Wohle des Schachs zu Ehrenmitgliedern ernannt.

Foto: Frederic Friedel

Überreichung der Ehrenmitgliedschaft 2009 in Berlin

 

 

 

 

 

Bei der Buchpremiere der Monografie „Emanuel Lasker – Denker, Weltenbürger, Schachweltmeister“ am 20. November 2009 in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel signierte Viktor Kortschnoi das umfangreiche Buch, an dem er mitgewirkt hatte.

Foto: Emanuel Lasker Gesellschaft

Wolfenbüttel 2009

Unvergesslich für uns bleibt der 2012 von der Emanuel Lasker Gesellschaft organisierte Besuch in Berlin. Im Berliner Hauptbahnhof gab Viktor Kortschnoi eine Simultanvorstellung.

Ich selbst und meine Frau haben sich in den letzten vier Jahren um unsere Ehrenmitglieder Viktor und Petra Kortschnoi gekümmert. Wir besuchten beide regelmäßig in Wohlen. Noch im Jahr 2013 waren wir gemeinsam in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg.

 

Auf meine Initiative kamen zwei legendäre Wettkämpfe zustande.

Wer kann schon die beiden Duelle zwischen Viktor Kortschnoi und Wolfgang Uhlmann vergessen, die 2014 in Leipzig und 2015 in Zürich noch stattfanden.

Das zahlreich versammelte Publikum staunte nicht schlecht über den Kampfgeist der beiden Rivalen. Gebannt verfolgten die Schachfreunde die Partien am Demobrett.

In Leipzig dominierte Viktor Kortschnoi, in Zürich gab es einen unentschiedenen Ausgang des Matches.

Die beiden Wettkämpfe waren eine Werbung für Schach. Wer Schach spielt, trainiert seinen Geist und kann bis ins hohe Alter klaren Verstand behalten.

Foto: Christoph Koppe

Match Kortschnoi gegen Uhlmann 2014 in Leipzig, Bildmitte stehend Dr. Gerhard Köhler

 

 

 

 

Viktor und Petra Kortschnoi verfolgten Jahr für Jahr das hochkarätige Züricher Schachturnier „Zurich Chess Challenge“. Hier gab es immer wieder ein Stelldichein der Supergroßmeister. Und dies wollte sich Viktor nicht entgehen lassen. Er verfolgte die Partien sehr aufmerksam.

 

 

Foto: Dr. Gerhard Köhler

Petra und Viktor Kortschnoi mit Anatoli Karpow und dem Schachmäzen Oleg Skorzow in Zürich 2016

 

 

 

 

 

 

 

Und hier noch eine Glanzpartie von Viktor Kortschnoi gegen den Weltklassespieler Bent Larsen.

Larsen, BentKortschnoi, Viktor

Palma ESP10.12.1968
1. c4 c5 2. Sc3 Sf6 3. Sf3 d5 4. cxd5 Sxd5 5. e3 e6 6. d4 Sc6 7. Ld3 Le7 8. O-O O-O 9. a3 Sxc3 10. bxc3 Lf6 11. Tb1 g6 12. Le4 Dc7 13. a4 b6 14. a5 La6 15. axb6 axb6 16. Te1 Ta7 17. h4 Sa5 18. h5 Td8 19. Sd2 Lg7 20. hxg6 hxg6 21. Df3 Sc4 22. Sxc4 Lxc4 23. Td1 b5 24. Ld2 Ta2 25. Lc6 Da5 26. Dg4 Ld3 27. Tbc1 Lc2! 28. Te1 cxd4 29. exd4 Lxd4! 30. Dg5 Lxf2+! 31. Kxf2 Txd2+! 32. Kg1 Dxc3 33. Dxb5 Dd4+ 34. Kh1 Dh4+ 35. Kg1 Le4! 36. Db8+ Kh7 37. Lxe4 Txg2+! 38. Lxg2 Df2+ 39. Kh2 Dxg2# 0-1

Viktor, wir werden, ich werde dich sehr vermissen.